Profil

Schon seit seiner Frühzeit partizipiert das Institut für Neutestamentliche Wissenschaften in Aufgabenstellung und Durchführung der Arbeit an der wissenschaftstheoretischen Entwicklung des Fachgebiets. Die historisch-kritische Arbeitsweise mit ihren einzelnen exegetischen Methoden wurde seit dem 19. Jahrhundert ebenso rezipiert wie in der jüngeren Vergangenheit die neueren exegetischen Zugänge (Linguistik, Sozialgeschichte, Religionsgeschichte. u.dgl.) Das Institut für Neutestamentliche Wissenschaft hat ein klar definiertes Arbeitsgebiet: Die Interpretation der 27 Schriften des Neuen Testaments sowie der sonstigen frühchristlichen Literatur (bis ca. 150 n.Chr.) auf der Basis des griechischen Originals.

Die Interpretation erfolgt auf dem Hintergrund der Erforschung von "Welt und Zeit des Neuen Testaments" und wird systematisiert in den Disziplinen "Geschichte der frühchristlichen Literatur", "Geschichte des frühen Christentums" und insbesondere " Theologie des Neuen Testaments". Grundlegend begleitet wird jede exegetische Arbeit von hermeneutischen Bemühungen um das rechte Verstehen.

Die kulturell-gesellschaftliche Aufgabe des Instituts besteht in der kritischen Begleitung von Kirche und Gesellschaft durch den Blick auf die Ursprünge des christlichen Glaubens. Es untersucht das Selbstverständnis der Kirche in ihrer Anfangszeit und ihre damalige gesellschaftliche Relevanz, um daraus differenzierte Aussagen für die Gegenwart ableiten zu können. Der kritische Aspekt der Institutsarbeit hat in der evang. Tradition seit jeher höchste Bedeutung gehabt. Insofern ein kirchenkritisches (und nicht nur ein gesellschaftskritisches) Moment dabei gegeben ist, ist die Verankerung des Instituts (wie der Theologie insgesamt) im Rahmen der universitas litterarum von außerordentlicher Bedeutung. Stichworte wie Sinnfrage, Dialogfähigkeit, Herrschaftsaspekte, Solidarität und dgl. haben hier höchste Priorität. Das Institut trägt fachspezifische Aktivitäten zur Weiterbildung der Absolventen mit, für kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie für  theologisch Interessierte. Darüber hinaus erfüllt das Institut auch diverse Aufgaben in Presse, Rundfunk und Fernsehen. Interdisziplinäre Zusammenarbeit an der Evang.-Theol. Fakultät gibt es mit allen Nachbardisziplinen  (insbesondere gemeinsame Lehrveranstaltungen und Exkursionen). Interfakultäre Zusammenarbeit findet mit Kollegen und Kolleginnen an der Kath.-Theol. Fakultät, dem Institut für Judaistik, dem Institut für Alte Geschichte, Epigraphik und Papyrologie und dem Institut für Klassische Philogogie statt (gemeinsame Forschungsprojekte, Lehrveranstaltungen, Gastvorträge, wissenschaftlicher Austausch, Tagungen u.dgl).

Geschichtlicher Überblick

Die neutestamentliche Wissenschaft ist seit der 1819 erfolgten Gründung der Protestantisch-theologischen Lehranstalt in Wien (der Vorgängerin der Evangelisch-Theologischen Fakultät) im Fächerkanon der evangelischen Theologie vertreten. Allerdings gab es zunächst keine Trennung von der alttestamentlichen Wissenschaft, vielmehr arbeiteten ein lutherischer und ein reformierter Exeget, die jeweils das Alte und das Neue Testament zu verstehen hofften, nebeneinander.

Erst im Rahmen der Gründung der Fakultät 1850 kam es zu einer Trennung der beiden Disziplinen. Nach einer interimistischen Betreuung der Faches durch den Kirchenhistoriker J. C. T. Otto (ab 1864 Ordinarius) übernahm 1861 C. A. Vogel als erster Fachexeget die Lehrkanzel für Neutestamentliche Wissenschaft und wirkte bis 1890. Es folgt ihm eine Reihe in der Fachwelt anerkannte Exegeten, die den engen Konnex mit der ausländischen, insbesonders der deutschen, Exegese eindrucksvoll dokumentieren:

  • Paul Ewald (1890-1894)
  • Paul Feine (1894-1907)
  • Rudolf Knopf (1908-1914)
  • Richard Hoffmann (1915-1939 und 1946-1948)
  • Gerhard Kittel (1940-1943)
  • Gustav Stählin (1943-1945)
  • Bo Reicke (1948-1949)
  • Christian Maurer (1949)
  • Gottfried Fitzer (1950-1973)
  • Kurt Niederwimmer (1973-1997) und
  • Wilhelm Pratscher (1998-2012)